Warum mein Gehirn die Weite des Meeres liebt

Was die Weite des Meeres mit unserem Gehirn macht, erfuhr Einfach.Sein-Autorin Ulrike Fach-Vierth im Interview mit dem Neurologen und Facharzt für Psychiatrie Matthias Krohn. Voraussetzung: Man müsse sich auf die Grenzenlosigkeit der Weite auch einlassen. Mit den wissenschaftlichen Erklärungen im Hinterkopf erlebte Ulrike Fach-Vierth die geliebte Wirkung eines Nordsee-Spaziergangs auf das Gehirn nun noch bewusster. Ein Erfahrungsbericht.

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Am Meer werden die Gedanken, der Herzschlag und der Atem ruhiger

Das Meer ist keine Landschaft, es ist das Erlebnis der Ewigkeit.“ An dieses Zitat des deutschen Schriftstellers Thomas Mann muss ich jedes Mal denken, wenn ich einen Tag am Meer verbringe und gedankenverloren meinen Blick in die Weite schweifen lasse. Die Gesetzmäßigkeiten von Raum und Zeit scheinen hier wirklich außer Kraft gesetzt, die Dynamik alltäglicher Stressreaktionen ebenfalls.

  • Wieso fühlt sich das Leben so viel leichter an, nur weil ich in die nicht enden wollende Weite blicke?
  • Warum werden meine Gedanken ruhiger, mein Herzschlag auch und mein Atem erst recht?
  • Und was passiert da am Strand mit meiner Seele, wenn plötzlich dort Hoffnung erwacht, wo vorher Sorge lastete?

Immer wieder stellte ich mir am Meer diese Fragen zur Wirkung der Weite auf unser Gehirn – denen ich im Interview mit Matthias Krohn, einem Neurologen und Facharzt für Psychiatrie, in Hamburg auf den Grund gehen wollte.

Beim Anblick der Weite fällt alle Last von uns ab

Mit den Antworten des Neurologen im Gepäck und meinem Hund auf dem Rücksitz fahre ich wenige Tage nach diesem Abend an die Nordsee. Weil ich in letzter Zeit die durch Stress erzeugte Enge oft zu spüren bekommen habe, freue ich mich jetzt auf die Begegnung mit der Weite. Und als ich endlich das Meer vor Augen habe und in die grenzenlos erscheinende Weite blicke, habe ich das Gefühl, dass alle Last von mir fällt. Welche Erklärung hatte der Neurologe noch gleich für dieses Phänomen?

Das Meer ist praktisch unbebaubar. Der Blick wandert ungestört bis zum Horizont und schafft damit ein unvergleichliches Freiheitsgefühl. Das Lichtwellenspektrum der Meeresfarben wirkt auf unser Gehirn zusätzlich beruhigend, entkrampfend und stressmindernd. Weite verbietet Hektik und Eile. Sie wirklich als Weite zu erfahren, setzt allerdings voraus, dass wir uns auf ihre Grenzenlosigkeit einlassen.

Die Weite des Meeres lässt uns innerlich wachsen

Wenn wir am Meer stehen und in die Weite blicken, kommen wir auf sehr sinnliche Weise wieder mit uns selbst in Kontakt, sagte Matthias Krohn außerdem zu Beginn unseres Gesprächs. Und tatsächlich spüre ich schon nach wenigen Minuten am Meer in mich hinein, was sonst eher nicht meine Art ist. Aber in diesem Moment kann ich gar nicht anders, weil sich irgendetwas in mir plötzlich seltsam anfühlt. Ein Körpergefühl macht sich breit, das Matthias Krohn genau so in unserem Gespräch beschrieben hatte. Er sprach angesichts der Weite von einem Gefühl, als würden sich Körperräume öffnen und mehr und mehr ausdehnen …

… als würden wir bei jeder tiefen Einatmung die gesehene Weite zu unserer eigenen werden lassen. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würden wir innerlich wachsen und mehr Raum für uns gewinnen. Allgemein gilt: Je größer der Kontrast zu den Aktivitäten vom Vortag ist, desto wahrscheinlicher wird eine ganzheitliche Erholung. Und während sich im Stress alles in uns zusammenzieht, schaltet der Körper in der Entspannungsphase in seinen normalen Rhythmus zurück. Innerlich empfinden wir dabei ein Gefühl der Weite.

Ehrfürchtiges Staunen ermöglicht Frische und Freiheit im Gehirn

Ein schönes, ein befreiendes Gefühl:  Ich blicke nur und tue eigentlich gar nichts und merke doch, wie der Nordsee-Himmel meinen über den erstaunlich langen Wellen des Meeres schaukelnden Geist in einen Zustand höchster Empfindsamkeit versetzt. Ich habe das Gefühl, mein Atem vertieft meinen Blick, mit dem ich alles ganz erfassen, in mir aufnehmen, mir aneignen möchte. Der Neurologe Matthias Krohn hatte diese Empfindung mit der Kraft des Staunens erklärt:

“Beim Blick in die Weite lernen wir wieder zu staunen, und neue Erkenntnisse legen nahe, dass gerade ehrfürchtiges Staunen unser Gehirn in einen Ruhemodus versetzt und uns Gelassenheit beschert. Weil wir in dieser Stimmung innehalten und die Zeit für eine Weile stillzustehen scheint. Und während wir beim Hinausschauen die Zeit vergessen und das Gefühl von Frische und Freiheit genießen, verbessert sich der Austausch von Botenstoffen in unserem Gehirn und pusht die Transmitter-Produktion. Wodurch sich wie von selbst gute Laune einstellt. Zudem verändert sich unsere Wahrnehmung, weil wir in eine gesteigerte Aufmerksamkeit gelangen.” 

Die Weite kann rauschhafte Glückszustände hervorrufen

Und während ich so staune und sich dabei meine Stimmung wirklich minütlich zu heben scheint, wird mir auch klar, dass die Weite einer Landschaft rational gar nicht zu fassen ist – wir nehmen sie mit dem Herzen wahr, spüren und fühlen sie voller Lust und Freude. “Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus. Flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus”, schrieb Joseph von Eichendorff. Hier am Strand von St. Peter Ording begreife ich, was der Lyriker gemeint hatte. Wie diese tief empfundene Freude in unserem Kopf entsteht, habe ich auch in meinem Interview erfahren. Matthias Krohn sprach von lustvollen Momenten.

Sie haben biologisch betrachtet ihren Sitz in der Mitte des Gehirns, im limbischen System, wo zuvor alle Sinnesreize hingeleitet wurden. Unsere Sinne und das Gehirn arbeiten nämlich eng zusammen, um unsere Lust am Leben zu wecken. Ein Zustand der Achtsamkeit, in dem wir uns für einen Augenblick ganz und gar auf eine Sache einlassen. Nur so kommt es zur Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin und zu den rauschhaften Glückszuständen, die dieser Stoff im Gehirn hervorruft.

Unter Stress sei diese sinnliche Intelligenz jedoch blockiert, führte Krohn weiter aus. Dann nämlich schalte das Gehirn auf eine enge Sicht, und unsere sinnliche Wahrnehmung würde quasi lahmgelegt. Auch hierfür kennt der Experte die Ursache: “Das Gehirn ist nun einmal eine begrenzte Maschine, und je mehr Reize es verarbeiten muss, umso schwerer fällt es uns, konzentriert und ganz bei uns zu bleiben. Angesichts einer weiten Naturlandschaft hingegen, wo die Reizdichte enorm reduziert ist, wird dieser geistige Kraftspeicher gründlich aufgefüllt.

Momente völliger Ausgeglichenheit

Sigmund Freuds Erkenntnis, dass das Glück im Kontrast zum Alltäglichen entsteht, könnte also eine weitere Erklärung dafür sein, warum unser Gehirn die Weite so liebt. Sind wir doch im Alltag permanent mit Stress und folglich mit dem Gefühl von Enge konfrontiert. Ganz anders mein Erlebnis heute am Meer. Ich bestaune die Wolkenbilder am Winterhimmel, den Tanz der Schaumkronen auf den Wellen, nehme die Licht- und Schattenspiele des Wassers wahr und tauche tief in die Natur ein. Matthias Krohn geht davon aus, dass die Formenvielfalt der Natur unsere Sinne anregt und zugleich beruhigt. Ich erlebe einen Zustand völliger Ausgeglichenheit. Wie wichtig es ist, diesen Zustand hin und wieder zu erleben, wurde mir deutlich, als der Neurologe in unserem Gespräch das Thema Stress noch einmal aufgriff:

Während früher so etwas wie Stress durchaus auch vorkam, aber zeitlich begrenzt war, weil er aufgabenbezogen auftrat, ist er heute fast zum Dauerzustand geworden, mit Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Wir müssen uns heute die Ruheinseln selber schaffen, denn unser Körper und unser Geist brauchen Phasen der Stille und der Zurückgezogenheit. Befreit von der Reizüberflutung, der wir im täglichen Leben ausgesetzt sind, kann das Gehirn gewissermaßen in sich selbst spazieren gehen, frische Verbindungen zwischen Nervenzellen knüpfen und dadurch neue Zusammenhänge in den gespeicherten Fakten erkennen.

Im Hier und Jetzt: Starkes Meeresrauschen unterstützt das Loslassen

Umso wichtiger, dem Geplapper der Anderen mal Einhalt zu gebieten und dem Herzen zu lauschen. “… Bis zu 65 Dezibel kann das Meeresrauschen laut sein – eine laut um unser Ohr herum surrende Mücke schafft es gerade mal auf 15 Dezibel. Und doch werden wir am Strand ganz still und verweilen in Momenten himmlischer Ruhe. Man muss sich das so vorstellen, als würde die Erfahrung von Weite aus dem Fluss der Zeit heraustreten und sich auf das Hier und Jetzt einlassen. Die Konzentration auf die Weite stellt somit eine Gegenmöglichkeit zum Getriebenwerden durch die verfließende Zeit dar. Für unser getriebenes Gehirn ein echtes Urlaubserlebnis.

Stimmt, ich lasse mich hier am Nordseestrand ein auf eine Zeit der Ruhe und des Bleibens. Wodurch mir neue Horizonte eröffnet werden…

Den Horizont erweitern – und plötzlich klar sehen

Plötzlich weiß ich auf viele meiner offenen Fragen Antworten. Auch Probleme finden angesichts der Weite mit einem Mal praktikable Lösungen in meinem Kopf. Wofür der Neurologe abermals eine Erklärung hat: “Ruhe fördert die Selbstreflexion und regt unsere Vorstellungskraft an, Ruhe lehrt unserem Gehirn quasi das Leben. Das heißt umgekehrt: Wer nie zur Ruhe kommt, wird den Weg zu sich selbst niemals finden und auf die Anforderungen der Außenwelt nicht vorbereitet sein. Er wird nicht wissen, wie er unvorhergesehene Probleme lösen, Risiken erkennen und kreative Ideen entwickeln soll. Wenn wir uns immer mal wieder aus dem Fluss der Zeit heraus stehlen, können wir unseren Horizont erweitern. Denn Gedanken und neue Einsichten brauchen Weile. Und dieses Verweilen erleben wir in der Weite.

Angesichts der Weite wird der Atem tiefer

Ich kann dem Neurologen nur Recht geben. Weite ist viel mehr als nur ein scheinbar grenzenloser Raum. Ich empfinde es gerade als ein Wort des langsamen, staunend einatmenden und beglückt ausatmenden Sich-Öffnens. Es ist wohl ähnlich wie beim Yoga, wo der Nachdruck auf das Ausatmen gelegt wird. Das Ausströmen in die Weite soll Freiheit und Ruhe bringen. Enge und Angst sollen dabei weichen, sodass Raum für Offenheit und Weite entsteht, bis hin zu einer möglichen Bewusstseinserweiterung. Eine Atemlehre, die von der Gehirnforschung bestätigt wird, wie ich von Matthias Krohn erfahren habe: “Wir neigen zu einer viel zu engen oder auch zu flachen Atmung. Angesichts der Weite dehnen sich auch unsere Atemzüge aus, und das ist wichtig für das Funktionieren unseres Gehirns. Durch da

s tiefe Atmen werden Signale ans Gehirn gesendet, um sich zu entspannen und sich zu beruhigen. Vom Gehirn wird dann die gleiche Nachricht an den Körper gesendet, sodass Muskeln locker gelassen und Emotionen besser kontrolliert werden. Und wenn wir unseren Atem weit ausströmen lassen, hilft es zudem, die Menge des stressinduzierten Hormons Cortisol zu reduzieren.”

Unser Gehirn will uns immer beschützen

Und während ich am Meer tief ein- und ausatme, denke ich an eine Äußerung des Neurologen, die mir außerdem besonders in Erinnerung geblieben ist: Unser Gehirn will uns immer beschützen. Vielleicht verengt es sich deshalb, wenn wir andauernd unter Druck stehen. Einfach um zu verhindern, dass noch mehr Stressimpulse in unseren Kopf gelangen. Und umgekehrt weitet sich das Gehirn am Meer vielleicht aus, damit wir möglichst viele Eindrücke von der faszinierenden Weite aufnehmen können. Eindrücke von befreiender Ruhe und unbegrenzten Möglichkeiten, die mich ein Stück weit demütig werden lassen. Und die mich mit tief empfundener Freude erfüllen. Während mein Hund beginnt, eigene Wege zu gehen, setze ich mich auf den Sand, wissend, dass ich jetzt nirgendwo anders sein möchte als da, wo ich gerade bin.

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INFOS

LITERATUR

·Ute Guzzoni: „Weile und Weite – Zur nicht-metrischen Erfahrung von Zeit und Raum“, Verlag Karl Alber, kartoniert, 160 S., 22,00 €

·Nils Birbaumer, Jörg Zittlau: “Denken wird überschätzt: Warum unser Gehirn die Leere liebt“, Ullstein Verlag, gebunden, 256 S., 20,00 €

STUDIEN
Mit zwei Stunden Ruhe pro Tag ist das Gehirn in der Lage, Zellen im Hippocampus zu regenerieren, fanden Forscher vom Duke University Medical Center heraus. Der Hippo­ campus verwaltet das Zusammenspiel zwischen Kurz- und Langzeitgedächtnis und ist eine der Schlüsselregionen für die Lernfähigkeit sowie für verschiedene Emotionen. Ruhe könnte sich laut dieser aktuellen Studie, die unter der Leitung von Imke Kirste durchgeführt wurde, auch für die Therapie von Alzheimer oder Depressionen eignen. Beide Krankheiten gehen nämlich mit einer schwachen Funktion des Hippocampus einher.

THERAPEUTENSUCHE
www.mbsr-verband.de Die Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction – MBSR) ist eine wissenschaftlich anerkannte Methode zur Beruhigung unseres Gehirns. Die Technik, die sich in achtwöchigen Kursen lernen lässt: Anhalten, atmen, bemerken. Der MBSR-Verband liefert auf seiner Homepage eine nach Postleitzahlen sortierte Liste dieser Kurse.

EXPERTE
Matthias Krohn
Neurologe und Facharzt für Psychiatrie & Psychotherapie in Hamburg-Harburg
Kontakt: Tel.: 040/77 41 51
Fax: 040/77 41 51