Tess Holliday: Das Übergrößen-Model wagte den Vertrauenssprung

Tess Holliday wurde als Kind gemobbt. Niemand hat an sie geglaubt. Und doch wurde sie zum bekanntesten Übergrößen-Model aller Zeiten. Die beeindruckende Geschichte einer mutigen Frau, die den Vertrauenssprung gewagt hat. Wer das schafft, ist bereit für ein besseres Leben. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau, die gesprungen ist.

Kindheit hieß für sie: nur überleben

Damals heißt sie Ryann Megan Hoven, hat keine Freunde – und keine Kindheit. “Ja, es war nicht einfach. Aber ich wäre nicht die, die ich bin, wenn ich nicht da durchgegangen wäre.” Sie ist neun Jahre alt, als ihr Leben beinahe endet. Ihr Stiefvater schießt auf ihre Mutter, trifft sie zweimal am Kopf. Das Mädchen verschont er. Warum, weiß man bis heute nicht. Die Mutter überlebt wie durch ein Wunder, behält aber starke körperliche Beeinträchtigungen zurück. Der Mann geht ins Gefängnis. Es ist das Ende zahlloser Misshandlungen. Rund zwei Jahrzehnte später lebt genau dieses Mädchen in Los Angeles. Die “Vogue” bezeichnet die junge Frau als eines der angesagtesten Models unserer Zeit. Die Foto-Legende David LaChappelle hat sie porträtiert, das US-Magazin “People” zeigte sie auf dem Cover, sie habe für “H&M” gemodelt. Dreimal versetzt sie uns, obwohl das Interview fest zugesagt war. “Bitte entschuldigt, ich musste mit meiner Mutter zum Arzt. Es ging ihr nicht gut. Ich will, dass sie zu mir zieht. Aber dafür brauche ich ein größeres Haus.”

Die Schule schmeißt sie und verdient Geld mit Gelegenheitsjobs

Das Mädchen ohne Kindheit ist auf der Suche nach einer Villa in Los Angeles! Wie hat sie das nur geschafft? “Wir sind mehr als 40-mal umgezogen. Ständig neue Schulen – aber immer dieselben Sprüche”, sagt sie mit ihrer warmen, ruhigen Stimme. Mit 15 wiegt sie knapp 100 Kilo, bei 1,63 Metern Körpergröße. Mit 17 verlässt sie die Highschool, weil sie das Mobbing nicht mehr erträgt. Fortan ist sie auf Gelegenheitsjobs angewiesen, auch, um ihre Mutter zu unterstützen. “Vor allem als Visagistin. Das konnte ich gut.”

Tess Holliday wagt den Vertrauenssprung – raus aus dem “white trash”

Drei Jahre später ist sie immer noch in Mississippi und außerdem schwanger von irgendeinem Kerl, der einmal nett zu ihr war. In den USA gibt es einen Begriff für diese Art von Biografien: white trash, weißer Müll. Doch für das, was dann folgt, haben Psychologen einen Fachausdruck: Vertrauenssprung. Jener Moment, in dem ein Mensch alles auf eine Karte setzt und springt. Egal, wie unmöglich die Zukunft erscheinen mag. “Das Leben in der Kleinstadt in Mississippi hatte ich satt. Ich musste da raus. Also habe ich mir meinen kleinen Sohn geschnappt und bin nach Los Angeles gegangen.”

Aufbruch in die “Body Confident Community” von Los Angeles

Warum L.A.? “Sein Vater war dort. Das war meine Hoffnung. Es wurde nichts daraus.” Dafür trifft sie zum ersten Mal auf Menschen, denen es ebenso geht wie ihr.  “Die ausgegrenzt werden, weil sie anders aussehen: die “Body Confident Community”. Dick, dünn, schwarz, weiß – alle haben eines gemeinsam: Sie lieben ihren Körper so, wie er ist. Das tat mir gut und gab mir Selbstvertrauen. Ich bin nicht allein.” Das ehemals unsichere Mädchen entwickelt eine starke und unverwechselbare Persönlichkeit. Und genau das unterscheidet Tess, wie sie sich jetzt nennt, von vielen anderen jungen Frauen ihres Alters. Sie vertraut sich selbst, hat sich nicht von Forderungen und gesellschaftlichen Regeln verunsichern lassen. Dr. Alfred Gebert, Psychologe der Universität Münster erklärt: “Menschen mit einem ausgeprägten Selbstwert haben in ihrer Kindheit eher Zuspruch als Ablehnung erfahren.

Ihnen wurde öfter gesagt, ‘Du kannst das’, als ‘Das schaffst du niemals’. Sie haben dadurch positive Glaubenssätze entwickelt – Mantren, die ihnen auch durch schwere Zeiten helfen.” Vertrauen ist demnach erlernbar. Doch wer schenkte Tess Holliday Vertrauen? “Meine Mama. Sie war immer für mich da. Seit ich denken kann. Sie sagte mir, dass ich ein großes künstlerisches Talent habe, und schenkte mir ein Visagisten-Buch. Sie sagte mir, dass ich schön bin, dass ich ein Model sein kann. Sie hat mich immer unterstützt. Immer.”

Wirklich alles auf eine Karte setzen?

Was aber, wenn ich springen will und niemanden habe, der mich unterstützt? “Auch die Liebe zu sich selbst ist erlernbar”, sagt Dr. Gebert. “Auf ihr beruht letztlich unser Vertrauen in uns. Dieser Lernprozess besteht aus vielen kleinen Schritten. Eine Möglichkeit zu lernen besteht beispielsweise darin, sich täglich zu fragen: Was kann ich heute für mich selbst tun – und dann genau das in die Tat umzusetzen.” Und das genügt, um zu springen? “Ob es sinnvoll ist zu springen, also alles auf eine Karte zu setzen, ist natürlich auch wesentlich abhängig von der momentanen Situation. Wie weit liegen Wunsch und Wirklichkeit auseinander? Das zu prüfen, ist entscheidend. Deshalb sollte sich jeder Mensch immer wieder fragen: ‘Was mag ich, was kann ich, und in welche Richtung möchte ich mich entwickeln?’”

“Scheiß auf deine Schönheits-Ideale!”

Tess Holliday vertraut sich. Sie springt – ins Internet. Gründet ihre eigene Bewegung. Unter dem Hashtag “eff your beauty standards”, zu Deutsch: “Scheiß auf deine Schönheits-Ideale” postet sie über den Bilderdienst Instagram Fotos von sich und anderen Menschen. Solche, die sie schön findet, aber die nicht den gängigen Modelmaßen entsprechen. Sie sammelt Fan- und Hasskommentare. Bei ihrem Selbstvertrauen ist das aber kein Problem, oder? “Doch. Es berührt mich, tut mir weh. Aber es ist Teil des Weges, den ich eingeschlagen habe. Ich weiß, dass ich das Richtige tue. Das hilft. Und manchmal mache ich einfach das Handy aus.”

Weltweiter beruflicher Erfolg als Übergrößen-Model

Trotzdem kann niemand allein von Idealen leben. Auch sie nicht oder ihr Sohn. “Als der entscheidende Anruf kam, arbeitete ich gerade als Rezeptionistin in einer Zahnarztpraxis”, sagt sie. Das war im November 2014. “Am Telefon war Milk, eine internationale Modelagentur. Sie haben meine Fotos gesehen und wollten mich als Model. Hauptberuflich. Als ich meiner Mutter und meinem Sohn von dem Angebot  erzählte, erklärten sie mich für verrückt – und bestärken mich darin, es trotzdem zu versuchen. Ich hatte kein Geld, kündigte meinen sicheren Job und setzte alles auf eine Karte: Modeln.” Anfang 2015 unterzeichnete sie ihren Vertrag – und bricht sofort Rekorde: Jetzt ist sie das kleinste und dickste Model aller Zeiten.

Was ist ein Body Positive Activist?

Tess Holliday startet 2013 ihre eigene Medienkampagne: das “Body Positive Activist Movement”. Seitdem nennt sie sich Body Positive Ambassador, was als “Verfechter  eines neuen Körperbildes” übersetzt werden kann. Unter dem Hashtag #effyourbeautystandards folgen ihr über 1,5 Millionen Instagram-Nutzer. Bei Facebook wird sie von mehr als 1,7 Millionen Menschen abonniert. Sie gilt als Ikone und Vorreiterin eines neuen Körperkultes. Und sie animiert ihre Anhänger zum Mitmachen: Auf Instagram postet sie ihre Statements gegen rigide Schönheitsideale. Vor allem jungen Frauen beteiligen sich. Ihr Ziel: dem allgegenwärtigen Magerwahn die Stirn zu bieten.

 

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