Rupi Kaur

Rupi Kaur: Starke Worte, die mich in schwachen Momenten halten

Mit ihrer Poesie möchte Rupi Kaur sich selbst und anderen Menschen die Chance geben, dann zu innerer Stärke zu finden, wenn wir sie am nötigsten brauchen. Hier spricht die kanadische Lyrikerin mit indischen Wurzeln über die Suche nach Antworten auf schmerzhafte Fragen und darüber, welche heilende Kraft den richtigen Worten innewohnt.

Rupi Kaur bricht mit dem Leid als Tabuthema in ihren Gedichten

Es kann jederzeit passieren, dass wir eine leidvolle Erfahrung machen, etwas unwiederbringlich verlieren – einen anderen Menschen oder ein Stück von uns selbst. Wer so etwas erlebt, spürt großen Schmerz und Hilflosigkeit, denn letztendlich sind wir mit unserem Kummer immer irgendwie allein. Leid ist noch immer ein Tabuthema – selbst unter Freunden oder in der Familie. Es ist, als würden die anderen sich davor fürchten, sich mit dem Schmerz anzustecken. Die kanadische Lyrikerin Rupi Kaur teilt diese Angst nicht. Leid ist das Thema ihres Lebens, und mit ihren Gedichten sucht sie immer wieder die dunkelsten Momente eines jeden Menschen auf. Sie weiß: Wo Schatten ist, da ist auch Licht. Ihre Worte spenden Hoffnung und Trost, wenn der Schmerz am größten ist. Denn mit ihren Gedichten hat sie geschafft, was vor ihr jahrzehntelang keinem anderen Poeten gelungen ist: Millionen Menschen zu berühren.

“Einfach.sein”-Autorin Julia Böhme traf die faszinierende Lyrikerin Rupi Kaur zum Interview: Hier lernte sie mehr über Rupis Beweggründe, mit ihren Worten Trost zu spenden, um auch andere Menschen in ihrem Leid und ihrer Niedergeschlagenheit aufzurichten.

Was fasziniert Sie so sehr an den Wunden unserer Seele?

Rupi Kaur: Ich schreibe über das, was mein Herz be­rührt. Die Themen suchen mich, nicht ich sie. Gewalt, Schmerz, Verlust und Kampf – und die Frage, warum wir das alles ertragen müssen, das treibt mich um. Meine Gedichte sind eine Art Weg für mich, Antworten darauf zu finden.

Was genau hat Sie zum Schreiben bewogen?

Rupi Kaur: Generationen von Schmerz sind in unse­re Seelen eingebettet. Unglück hält sich nämlich nicht an die Grenzen der Zeit. Ich heile mit meinen Worten nicht nur die Wunden, die ich als Kind erlitten habe, sondern auch die meiner Mutter, meiner Großmutter und meiner Urgroßmutter. Auf der Suche nach Antworten habe ich als Heranwachsende Hunderte von Büchern gelesen. Aber keiner konnte mir diese Qualen in uns erklären. Nirgends habe ich mich wiedergefunden, niemand hat das beschrieben, was ich erfahren habe. Da habe ich erkannt, wie wichtig ein solches Vorbild ist. Und mir wurde klar, für meine Kinder soll es später anders sein: Sie sollen Trost in Worten finden können. Darum schreibe ich.

 

Rupi Kaur

Wie viele der Krisen und Kämpfe, über die Sie schreiben, haben Sie selbst erlebt?

Rupi Kaur: Meine Geburt war schon die erste erfolg­reich geschlagene Schlacht. In Indien werden immer noch Millionen von Babys vor oder bei der Geburt getötet – nur weil sie Mädchen sind. Wer wie ich dann eine der Glücklichen ist, die das überlebt, wächst mit der Gewissheit heran: Unser Körper ist nicht unser Eigentum. Ein gutes südasiatisches Mädchen ist ruhig und tut, was man ihr sagt. Sex gehört sich nicht. Es ist etwas, das ihm in seiner Hochzeitsnacht passiert. Es ist allein etwas für den Mann. Sexuelle Gewalt kennen wir ganz genau. Die Zahl der Vergewaltigungen ist gerade in Indien alarmierend hoch. Wir blicken auf Tausende Jahre der Schande und Unterdrückung zurück. Und meine Poesie ist ein Weg, um das zu verarbeiten.

Woher nehmen Sie die Kraft, all das anzusprechen?

Rupi Kaur: Bei all dem Leid, das wir durchleben müs­sen, ist doch trotzdem nichts größer als die Kraft, die jeder von uns in sich trägt. Ich will, dass den Menschen das bewusst wird. Wenn sie durch meine Gedichte ihre wahre Größe, ihre persönliche Stärke endlich erkennen können, dann werde ich für den Rest meines Lebens schreiben – das ist meine Motivation.

Woher kommt die Liebe zur Lyrik, wie fing alles an?

Rupi Kaur: Vor allem durch meinen Vater und meine Familie, denn Poesie ist eine wichtige Tra­dition der Sikhs. Alle heiligen Texte und Schriften sind in lyrischen Versen geschrieben. Mit dem Schreiben fing ich aber erst in der Unterstufe ernsthaft an. Zuerst waren es allerdings nur Essays. In der siebten Klasse habe ich meinen ersten Wettbewerb gewonnen – eine schüchterne, introvertierte, gemobbte 12-Jährige, die vor hundert Schülern steht und laut ihre Arbeit vorliest. Es war der erste Schritt, der Mensch zu werden, der ich immer sein wollte.

Jahrzehntelang wurde kein Gedichtband so erfolgreich veröffentlicht wie Ihrer. Was ist Ihr Geheimnis?

Rupi Kaur: Ich denke, wir leben in einer Zeit, in der wir durch moderne Technologien zwar eng mit der Welt, aber umso weniger mit uns selbst verbunden sind. Poesie hilft, diese Kluft zu überbrücken. Sie schafft wieder eine gewisse Intimität mit uns selbst, sie bringt uns wieder unseren Gedanken und Gefühlen näher. Lyrik erlaubt uns, darüber nachzudenken, wie und wer wir wirklich sind – was in unserer geschäftigen, kapitalistischen Gesellschaft schwierig sein kann. Deshalb glaube ich, dass meine Worte so viele Menschen berühren. … und ihnen Trost spenden.

Ist das nicht eine ziemlich große Verantwortung?

Rupi Kaur: Es ist mir eine große Ehre. Ich fühle mich so glücklich, endlich meine Worte mit der Welt teilen zu können. Früher habe ich es oft noch als unheimlichen Druck empfunden, aber jetzt fühlt es sich nur noch be­freiend an. Auch, weil ich aufpasse, was ich in meinen “Schreibraum” hineinlasse. Deshalb stören oder beeinflussen mich weder positive noch negative Kommentare von meinen Lesern im Internet. Mei­ne wichtigste Regel lautet zu schreiben, was ehrlich und wahrhaftig für mich ist. Ich habe da diese eine Überzeugung, dass, wenn ich anfange, auf das zu hören, was andere denken oder sagen, und mich und meine Gedichte ändere, die Magie meiner Poesie verloren geht.

Ihr erster Gedichtband heißt “milk and honey – milch und honig”, woher kommt der Name?

Rupi Kaur: Vor ein paar Jahren habe ich ein politi­sches Gedicht über Frauen geschrieben, die die Morde an ihren Männern und Kindern, die Folter und Vergewaltigung überlebt haben: Sie waren diesem Terror so sanft wie Milch und so dick wie Honig entkommen. Ich spürte irgendwie, dass die­se Worte noch nicht ihre wahre Bestim­mung erfüllt hatten, ich schrieb sie dann als Titel in ein neues Tagebuch – und so wurde auch der Name des Buches geboren. Und dann ist es ja so, dass Milch und Honig nicht nur in meiner Familie, sondern weltweit Heilmittel bei Erkältung oder Grippe sind. Sie heilen Wunden, sie reparieren unser Innerstes.

Wer ist Rupi Kaur?

Geboren wurde Rupi Kaur am 5. Oktober 1992 in Munak Kalan im indischen Bundesstaat Punjab, Nordindien. Ihre Eltern gehören der Sikh-Religion an und wanderten aufgrund politischer Verfolgung nach Kanada aus, als Rupi Kaur vier Jahre alt war. 2014 erschien ihr Lyrikband “milk and honey” zunächst im Selbstverlag bei Amazon, wurde aufgrund des großen Erfolgs zwei Jahre später von einem renommierten US-amerikanischen Verlag erneut veröffentlicht. Das Werk wurde bisher in mehr als 25 Sprachen übersetzt und knapp 1,5 Millionen Mal verkauft. Ihr zweites Buch “the sun and her flowers” ist am 3. Oktober 2017 auf Englisch erschienen.

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Buchtipp: Rupi Kaur: “milk and honey – milch und honig“, Lago Verlag, ISBN 978-3957611734, 208 S., 14,99 Euro