Bambus ist ihr Material der Träume

Die Designerin Elora Hardy kehrte nach Erfolgsstationen in Kalifornien und New York auf ihre Heimatinsel Bali zurück, um dort Häuser aus Bambus zu bauen. Denn während andere Bäume Jahrzehnte brauchen, um sich zu regenerieren, wachsen die hölzernen Halme der Bambuspflanze in nur drei Jahren vollständig nach. Die Visionärin hat ein Mittel gefunden, das harte Holz gegen Schädlinge haltbar zu machen: So lässt sie Bauten von ungeheurer Schönheit entstehen.

Unter Bambusdächern sicher zu Hause

“Meine Häuser”, sagt Elora Hardy, “sind vor allem eines – ein Versprechen. Ein Versprechen an die Kinder dieser Erde und an die Erde selbst. Denn sie sind aus dem einen Material erbaut, das den nachfolgenden Generationen niemals ausgehen wird – Bambus.” Bambus? In der Tat: Aus dem extrem leichten Holz erschafft die Designerin auf ihrer Heimatinsel Bali märchenhafte Paläste, deren Dächer wie Blüten in den Himmel ausbreiten. Beinahe scheint es, als widersetzten sich Hardys Häuser den Gesetzen der Schwerkraft, so zart und filigran wirken sie. Tatsächlich aber ist genau das Gegenteil der Fall: “Bambus ist eines der härtesten Hölzer überhaupt”, erklärt Elora. “Es schneidet selbst im Vergleich mit Eiche oder Buche besser ab und weist, umgerechnet auf sein Gewicht, sogar eine höhere Stärke auf als  Stahl.” Warum? Weil – anders als andere Holzarten, die vom Kern nach außen immer weicher werden – Bambus zwar einen weichen Kern besitzt, aber eben eine extrem feste Außenschicht. Das verleiht ihm größere Stabilität und gleichzeitig eine enorme Flexibilität. Will heißen: Gebäude aus Bambus zählen zu den wenigen, die selbst massive Erdbeben überstehen, weil sie nachgeben können.

Bambusrohre haltbar für die Ewigkeit machen

“Vor allem aber ist Bambus eine der am schnellsten wachsenden Pflanzen der Erde”, sagt die Designerin. “Aus einem einzigen Sprössling entsteht innerhalb von acht Jahren ein kleiner Hain, der einem Menschen bis an sein Lebensende genug Holz liefert, um daraus alles zu bauen, was er benötigt.”  Das einzige Problem: Bambus galt stets als extrem anfällig. Denn die Pflanze zählt zu den Süßgräsern – und damit zu den bevorzugten Nahrungsquellen bestimmter Käfer, die “alles, was jemals aus diesem Holz erbaut wurde, komplett zerstört haben”, so Elora Hardy. Erst der Designerin gelang es, die Bambusrohre durch Salzinfusionen haltbar zu machen. “Unsere Häuser”, sagt sie jetzt, “sind gemacht für die Ewigkeit.”

Ihr Traum vom Wolkenschloss wird Wirklichkeit

Für Elora Hardy ist das die Erfüllung eines Traumes, der seinen Anfang nahm, als sie gerade erst neun Jahre alt war: “Meine Mutter fragte mich, wie das Haus aussehen sollte, in dem ich einmal leben möchte”, erzählt sie. Tagelang malt sie damals an einem Bild – es zeigt ein Gebäude, das ganz anders ist als alle anderen, nämlich rund und leicht und luftig; ein kleines Wolkenschloss, in dem jeder Raum den Blick in den Himmel freigibt. “Ich stellte mir vor, wie sich dieses Haus anfühlen würde, wie es riechen und wie Schritte in seinem Inneren klingen würden. Und ich wusste: Eines Tages werde ich es finden. Mein Haus.”

Vom “Big Apple” direkt ins Herz der tropischen Insel

In Wirklichkeit kommt natürlich alles anders, denn zunächst verlässt Elora Hardy Bali, um in Kalifornien zu studieren. Sie zieht weiter nach New York, entwirft Muster für die Mode-Ikone Donna Karan, macht Karriere – und bleibt trotzdem immer ein wenig ziellos. “Nichts von dem, was ich erreicht hatte, erfüllte mich wirklich”, sagt sie. “Ich wollte etwas Bleibendes erschaffen. Etwas – mehr.”

Sie kehrt zurück nach Bali – denn dort, im Herzen der tropischen Insel, hat ihr Vater gerade ein neues Herzensprojekt begonnen. Er baut eine “Green School”, in der Kinder ganzheitlich unterrichtet werden sollen: in einem Gebäude, das ganz und gar aus Bambus besteht. “Ich war vollkommen fasziniert”, sagt Elora. “Die Anlage hatte drei Stockwerke, erstreckte sich über eine Fläche von acht Hektar und lag mitten im Dschungel. Durch die offenen Wände des Schulpavillons drang das Gackern der Hühner und das Grunzen der schwarzen Bali-Schweine – es war traumhaft schön!”

Mit ihrem “Green Village” will sie die Welt verändern

Schlagartig wird Elora bewusst, welche Möglichkeiten Bambus bereithält: Sie gründet die Firma “Ibuku” (“Meine Mutter Erde”) und versammelt Handwerker, Designer, Gärtner und Architekten in ihrem Team. In den kommenden Jahren errichtet sie in Anlehnung an die “Green School” ihres Vaters nur ein paar Schritte entfernt unter anderem das “Green Village” – ein Dorf aus neun Bambus-Häusern. Bis zu sechs Stockwerke hoch sind die Gebäude, von geschwungenen Dächern gekrönt, um die Winde in den heißen Tropen einzufangen, und von hochgelegenen Fenstern durchzogen, die kühle Luft im Inneren und Insekten draußen halten. Sie sind – Wolkenschlösser. Mittlerweile hat Elora Hardy rund 40 Bambushäuser erbaut. Besonders spektakulär: das verspielte Anwesen “Sharma Springs” mit sechs Stockwerken und der dramatischen Tunnelbrücke, die als Eingang dient.

Elora Hardy verwirklicht eine Architektur, die nicht auf der Zerstörung der Umwelt fußt, sondern auf Nachhaltigkeit: Die Erfüllung eines Traumes, der vor langer Zeit seinen Anfang nahm. “Wir müssen eben unsere eigenen Regeln erfinden, wenn wir diese Welt verändern wollen”, sagt Elora Hardy. Und verdammt – sie hat recht.